Interview Schwäbsiches Tagblatt

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Ihr Romanerstling Briefe aus Amerika, 1998 in einem kleinen Verlag erschienen, erscheint dieser Tage noch einmal – nun bei Ihrem langjährigen Verlag Klöpfer & Meyer. Aber in einer neuen, überarbeiteten Fassung. Wie kam es dazu?

Eines Nachts habe ich den Roman aus dem Regal gezogen und ihn (nach fast 20 Jahren) in einem Rutsch durchgelesen, vom ersten bis zum letzten Satz. Bei manchen Passagen war ich angetan, bei anderen entsetzt. Da der ursprüngliche Schreibakt schon so lange zurücklag, war ich fast schon in der privilegierten Position eines unbefangenen Erstlesers. Es drängte mich daher zu einer Überarbeitung, zumal ich ja aus dem Roman immer wieder einzelne Kapitel öffentlich gelesen hatte, besonders in Schulen. Aufgrund dieser langjährigen Lesungserfahrungen wusste ich also ziemlich genau, was an dem Roman funktioniert, und was nicht.

Was fanden Sie änderungswürdig und ist das in erster Linie Ihrer persönlichen Entwicklung geschuldet oder hat es mit einem veränderten Leseverhalten zu tun?

Manche Kapitel fand ich derart peinlich, dass ich sie komplett gestrichen habe. Bei einem Erstling liegt das Gelungene und Misslungene oft sehr nah beieinander. Auch habe ich an den Übergängen und an dem Rhythmus gefeilt, auch Anachronismen beseitigt. Sehr vieles bewegt sich dabei im Bereich des Feintunings – viele Leser werden womöglich kaum etwas davon merken.

In der Bildenden Kunst sind Übermalungen ein eigenes Genre, Bob Dylan interpretiert seine eigenen Songs immer wieder völlig neu, verändert sogar Songzeilen. In der Literatur sind Neubearbeitungen eher selten. Woran könnte das liegen?

Vielleicht liegt das an einer ontologischen Literaturauffassung, der Idee, dass literarische Texte ewig gültige Wesenheiten und Wahrheiten sind. An so etwas habe ich noch nie geglaubt. Schon als Literaturwissenschaftler war mir eine solche Literaturauffassung ziemlich fremd. Texte ändern sich ständig, in ihren Funktionen, Bewertungen und Wahrnehmungen, selbst in ihren Stärken und Schwächen. Bei jeder meiner Lesungen entdecke ich Wörter oder ganze Sätze, die ich umstelle oder weglasse oder völlig neu erfinde. Das Schreiben ist für mich ein work in progress. Es gibt keinen Abschluss, allenfalls ganz kleine Ruhepunkte.

Sie lesen gerne und auffallend gut vor, ihre Romane selbst sind so etwas wie aufgeschriebener, kunstreich kultivierter Mündlichkeitsfanatismus. Tut sich jemand mit diesem Hang zum Lebendigen leichter mit dem Work in Progress?

Vielleicht ist das tatsächlich der Fall. Wenn man Texte laut spricht, dann verändern sie sich, bereits im Akt des Sprechens. Wenn ich einen Prosatext schreibe, dann lese ich ihn – zum Ärger meiner Nachbarn – immer wieder laut. Ich schreibe sie im Stehen, und nicht im Sitzen, wie man über Dramenautoren oft sagt. Ich bin also ein Sprechsteller – und kein Schriftsitzer. Die Sprechbarkeit eines Textes ist für mich ein zentrales literarisches Kriterium. Man sagt: Im Weine liegt Wahrheit. In Lesungen liegt noch mehr Wahrheit. Das Publikum reagiert unmittelbar, in den kleinsten Bewegungen, Blicken und Gesten. Jede schwächere Passage teilt sich den Zuhörern sogleich mit, ist körperlich manifest, ist für den Autor sichtbar, hörbar, spürbar. Er merkt schnell, an welchen Stellen er ein Publikum gewinnt und wieder verliert. Ein Publikum sagt (ohne ein Wort sagen zu müssen) so viel mehr als der strengste Lektor.

Es fällt auf, dass es in Ihrem Roman immer wieder um Sprache geht – in den verschiedensten Spielarten. Ist Ihr Roman ein Sprachroman?

Ich fürchte ja. Die Sprache ist nicht nur ein Akteur des Romans, sondern dessen ständiger Gegenstand. Immer wieder geht es in den Briefen aus Amerika um Sprache, in allen möglichen Varianten. In einem Kapitel lernen Studenten sogar eine Sprache, die frei erfunden ist, die es gar nicht gibt. Der Roman spielt ja an der Yale University, dem Ort der Dekonstruktion. Das ist eine Literaturtheorie, die vor 30 Jahren die akademische Welt noch beherrscht hat. Das geflügelte Wort war damals: „prisonhouse of language.“ Oder: „The world is text.“ Damals waren das noch mächtige Gedanken: die Sprache als Wollust und als höchste (wenn nicht einzige) Form von Wirklichkeit. Mittlerweile hat sich das völlig verändert. Heute ist es fast schon ein häretischer Akt, wenn sich Literatur überhaupt noch mit Sprache beschäftigt oder auf Sprache setzt. Ich tue es trotzdem. Für mich ist Sprache keine Asphaltmaschine epischer Handlungen, sondern eine eigene, unersetzliche Welt.

Das Ende des Romans zeigt eine belagerte Universität, umgeben von Armut, aufständischen Massen und brennenden Autos. Haben Sie das tatsächlich in Amerika so erlebt?

Nein, aber ich habe es mir damals so vorgestellt. Es lag ständig so etwas in der Luft, ein Ausbrechen massiver Gewalt, ein zunehmendes Aus-den-Fugen-geraten bestehender Ordnungen. An diesem Punkt haben sich die Realitätsbezüge des Romans auch sehr verändert. Was vor 20 Jahren noch eine kafkaeske Übertreibung schien, ist in vielen Städten der USA heute schon Realität. Ich schaute Fernsehen, sah all die brennenden Autos und randalierenden Menschen, sah ganze Stadtteile, die außer Kontrolle geraten sind, und ich dachte: Das ist ja wie in den Briefen aus Amerika. Genau in diesem Moment ging ich zum Bücherregal und holte den Roman hervor, um ihn nach 20 Jahren noch einmal neu zu lesen.

Die Fragen stellte Peter Ertle.

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