Preise

Kann man denn davon leben?

 

Über Literaturpreise als notdürftige Antwort auf die Lebensfragen der Schriftsteller


„Kann man denn davon leben?“ Fast jeder Schriftsteller bekommt früher oder später diese Frage zu hören. „Kann man denn davon leben?“ Wildfremde und allzu vertraute Gesichter stellen mir in schöner Regelmäßigkeit diese Frage. Sie fragen mit einem leichten Kopfschütteln, so als dürfte ich eigentlich gar nicht mehr am Leben sein. So als wäre meine bloße Existenz eine Verletzung des gesunden Menschenverstandes. Also antworte ich: „Wie Sie sehen, lebe ich noch.“

Das Leben eines Schriftstellers ist – bekanntermaßen – alles andere als gesichert und selbstverständlich. Und, um die Wahrheit zu sagen, ich selber stelle mir in mancher Nacht die Frage: Wie kann man von solch einem Beruf leben? Wie soll das weitergehen? Wie lange kann das noch gut gehen? Und, je länger ich über derlei Fragen nachdenke, desto mehr bin selbst überrascht, all die Jahre irgendwie als Schriftsteller gelebt bzw. überlebt zu haben. Manche Jahre begannen ohne jede materielle Perspektive. Ich war mir sicher, dass es mit der Schriftstellerei zu Ende gehen werde, dass ich reumütig nach jeder sich bietenden Arbeit Ausschau halten werde – das Ende dieser Jahre erlebte ich dann (zu meiner eigenen Verwunderung) unverändert im Beruf des Schriftstellers. Und auch Verwandte und Freunde teilten diese Verwunderung: „Als ich ihn näher kennen lernte“, schrieb eine Freundin, „sprach er von seinem baldigen Ende als Schriftsteller. Heute ist er es immer noch.“

Und doch verdanke ich dieses wundersame Leben und Weiterleben maßgeblich dem Glück großzügiger Literaturförderungen, die ich in Form von Stipendien und Preisen erhalten habe. Gleich einem Deus ex machina halfen mir diese Zuwendungen über schlimme Monate und Jahre hinweg. Ohne sie wären viele Bücher, an denen ich geschrieben habe, nicht zu Ende geschrieben, vielleicht nicht einmal begonnen worden. Ohne sie hätte sich selbst die Frage Kann man denn davon leben? erübrigt. Womöglich hätte ich ohne Preise und Stipendien den Schriftstellerberuf längst aufgegeben. Wer weiß.

Wenn einem ein Preis oder ein Stipendium zugesprochen wird, empfindet man zunächst unendliche Erleichterung, in der existentiellen Tragweite eben der Frage: Kann man denn davon leben? Auch wenn man weiß, dass ein Preis oder Stipendium nur für eine begrenzte Zeit (allerhöchstens ein Jahr) das materielle Dasein eines Schriftstellers absichert – also nur aufschiebende Wirkung hat. Trotzdem überwiegt zunächst das Gefühl unbeschreiblicher Erleichterung. Gepaart mit einem Anflug leiser Genugtuung, dass mit dem Preis oder Stipendium nicht nur der Schriftsteller für eine gewisse Zeit noch Schriftsteller ist und Schriftsteller bleiben darf, sondern dass damit auch (nach wie vor das Wichtigste) sein Werk – über alle Tauschwertlogik des Buchmarktes hinweg – eine Würdigung, ein Verständnis, eine Legitimation erfährt. Derartige Gefühle der Erleichterung und Genugtuung weichen jedoch sehr bald selbstkritischen Fragen: Ob man den Preis oder das Stipendium tatsächlich verdient hat. Und (selbst wenn ja), ob nicht zahlreiche andere Autoren dieselbe Auszeichnung nicht genauso oder weit mehr verdient hätten als man selbst. Dies ist die dunkle, die beschämende Seite literarischer Auszeichnungen: Indem man eine Auszeichnung entgegen nimmt, weiß man, dass damit unzählige andere Autoren eben diese Auszeichnung nicht bekommen, dass sie noch weniger wissen als man selbst, wie sie die Frage beantworten sollen: Kann man denn davon leben?

Bei Preisverleihungen begleitet mich das Bild schiffbrüchiger Gestalten, die gemeinsam an Treibgut sich klammernd mitten im Ozean driften. Hin und wieder kommt ein Kreuzfahrschiff vorbei, das auf eine wahllose Art einige Wenige von ihnen (für begrenzte Zeit) an Bord nimmt. Die anderen bleiben zurück.

Mancher Beobachter stellt sich (zu Recht) die Frage, ob die Vielzahl von Preisen und Auszeichnungen, die ein Autor bekommt, Ausdruck und Ergebnis einzigartiger literarischer Qualität ist, oder ob sie einer kumulativen Logik folgen, in der ein Preis den nächsten nach sich zieht, die sich wechselseitig befruchten, beflügeln und legitimieren. Gemäß des positivistischen Zirkels: Das Preisgekrönte ist qua des Preises, den er verliehen bekommt, beglaubigt und ausgewiesen, einen solchen Preis auch mit Recht entgegenzunehmen, sonst würde er diesen Preis ja nicht bekommen. Derartige Zirkelschlüsse gelten besonders dann, wenn ein Autor gleich mit mehreren Preisen hintereinander bedacht wird. Preis D ist richtig, weil Preis C, ist richtig, weil Preis B, ist richtig, weil Preis A … Die Richtigkeit einer Auszeichnung erwiest sich in der bloßen Präsenz früherer Auszeichnungen, die wiederum künftige Auszeichnungen bedingen, und so weiter und so fort … Eine solche Haltung variiert den autoritären Grundzug im zeitgenössischen Literaturbetrieb, welcher mit Vorliebe Wörter mit dem Buchstaben B huldigt: das Beeidete, das Beglaubigte, das Bewahrheitete, das Bewährte, das Bekannte, das Bedeutende, das Bedeutete … Literarische Auszeichnungen vereinigen mit Vorliebe derartige B-Wörter.

Preise und Auszeichnungen sind überwiegend öffentliche Veranstaltungen, in Form von Presseerklärungen, Preisverleihungszeremonien, Laudationes etc. Der Autor gerät damit zu einer öffentlichen Figur, und dies in mehrfacher Hinsicht: Sein Name und sein Werk erfährt mit der Preisverleihung eine Würdigung. Eine breitere Öffentlichkeit wird auf ihn aufmerksam. Vielleicht sogar ein renommierter Verlag, der bereit ist, die künftigen Werke des prämierten Autors zu verlegen. Andererseits rückt mit der Auszeichnung wiederum die materielle Daseinsfrage des Schriftstellers in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die Frage: Wovon lebt er eigentlich? beantwortet sich nun in aller Öffentlichkeit, in Form der Bekanntgabe: Er lebt von einem Preis. Jedermann kann hören und lesen, wie viel Geld der Preis wert ist, was der Autor damit aller Voraussicht nach im nächsten Jahr verdienen wird. Der Autor ist damit eine in vielerlei Hinsicht öffentliche und transparente Figur, die sich (öffentlich wie privat) fragen lassen muss: Warum gerade er (und nicht ein anderer) diesen Preis? Hat er den Preis überhaupt verdient? Oder er bekommt Ratschläge von wildfremden Menschen zu hören: Mit dem Preisgeld bitte sorgsam umzugehen. Es nicht leichtfertig auszugeben. Bitte keine Weltreise oder ähnliches damit zu unternehmen. Andere Berufsgruppen würde man kaum mit derartigen Ratschlägen belehren. Oder ihnen die Fragen stellen: Wovon leben Sie eigentlich? Die Not des Schriftstellers ist nicht nur die Not des Geldes, sondern auch eine kulturelle Gegebenheit im Zuweisen einer bestimmten Rolle. Es ist nicht zuletzt die Rolle verschämter Dankbarkeit darüber, dass man überhaupt noch lebt.

Vielleicht ist es diese Rollenverteilung, die Thomas Bernhard über das Thema Literaturpreise schreiben ließ: „Nur in der äußersten Not und in Lebens- und Existenzbedrohung und nur bis vierzig hat man ein Recht, einen mit einem Geldbetrag verbundenen oder überhaupt einen Preis oder eine Auszeichnung anzunehmen.“ (Wittgensteins Neffe)

Und trotzdem: Wenn es keine Preise und Auszeichnungen gäbe, dann würde ich sie schnellstmöglich erfinden. Sollte ich je über große Mengen an Geld verfügen, dann würde ich selber Preise in die Welt setzen. An erster Stelle einen Preis mit dem Namen meines Lieblingsautors: Oscar Wilde. Ein solcher Preis (nennen wir ihn Oscar-Wilde-Preis) wäre dezidiert für alle verwegenen und unbekannten und nicht bedachten Autoren. Er wäre für diejenigen, die (nicht nur materiell) am meisten der Unterstützung und Ermutigung bedürfen. Er würde besonders an jene Autoren denken, die auf der falschen Seite stehen: literarisch, gesellschaftlich und biographisch – die das falsche Alter haben oder den falschen Pass oder das falsche Schicksal oder den falschen Verlag. Er wäre nicht für die aufstrebenden, sondern für die untergehenden Autoren. Es wäre ein eminenter (mit einem sehr hohen Preisgeld ausgestatteter) Literaturpreis, der gerade die Autoren bedenkt, die einen solchen Preis am dringendsten benötigen, nicht nur wegen des Geldes, sondern auch um des Glaubens willen: der Glaube der Freunde und der Familie, der Glaube der Wenigen – und nicht zuletzt der eigene erschütterte Glaube … an sich selbst. Ein solcher Preis würde nicht dem Offensichtlichen huldigen, sondern das Verborgene erkennen. Er würde den Kritikern eines Autors genau dort Einhalt gebieten, wo sie sich mit ihren Einwänden am meisten im Recht glauben. Genau dort! Er würde den neuralgischen Punkt herbeiführen, an dem man beginnt, die Dinge (im Zweifelsfall) nicht mehr gegen den Autor auszulegen, sondern zu seinen Gunsten. Er würde nicht zuletzt versuchen, den Autor in die Lage zu versetzen, von seinem Beruf irgendwann in aller Bescheidenheit und Natürlichkeit und Regelmäßigkeit leben zu können – auch ohne Auszeichnungen und Preise.

Literaturblatt für Baden und Württemberg, Heft 4 (Juli/August 2006): 8-9.