Uli Müller. Die Zeit. Online (24.02.2011):
Im gleichen Jahr erschien ein weiteres bemerkenswertes Buch, Joachim Zelters Schule der Arbeitslosen. Darin schildert der Autor den Versuch des Staates, Arbeitslose in einem Trainingscamp so zu schulen, dass sie sich auf dem Markt gegen Mitbewerber durchsetzen. Gleichzeitig zeigt er die Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens in einer Gesellschaft, in der es weniger Arbeitsplätze als Erwerbslose gibt. Zelter findet für diesen Stoff eine beklemmend sachliche Sprache, doch zwischen den Zeilen ist der Roman erschütternd.
Le Monde (31.01.2009):
Un puissant roman de l’aliénation sociale, servi par une rhétorique glacée, qui ne laisse aucune place à la chaleur humaine.
Oranienburger Generalanzeiger, In der Schule der Arbeitslosen (15./16. 03.2008):
Zelters Buch peinigt. Am liebsten möchte man es gar nicht lesen, möchte das Thema ausklammern. Gerade das macht den Roman so stark und zu einem Muß für alle, die sich in der glücklichen Lage befinden, Arbeit zu haben. Noch.
Bernd Ulrich, Stationen der deutschen Unterschichten-Debatte (Deutschlandradio, 17.05.2007):
Vor des Lesers Augen entsteht so der aktuelle genius loci einer Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit abhanden gekommen ist, eine Schulungsstätte neuer Art, in einer Mischung aus NAPOLA und Sekten-Hauptquartier. Ihr Sein und Tun dient nur einem Ziel: vermeintliche Arbeitsversager werden in halbmilitärischem Ambiente mit Psychoterror und kruder Erpressung zu ausgebildeten und sogar zertifizierten “Bewerbern” geformt.
Dirk Seifert, Schule des neuen Lebens (taz, 19.04.2007):
Messerscharf, mit knapper aber umso präziserer Sprache. [...] Wer nur ein wenig die entwürdigende und drangsalierende Wirklichkeit der gegenwärtigen Hartz-IV-Gesellschaft kennt, sich in letzter Zeit mit einer eigenen Bewerbung auseinandersetzen musste, der weiß, dass Zelter dicht an der Realität schreibt.
Petra Ehrenfort (Konkret, Heft 4, April 2007):
Joachim Zelters kluge Satire beschreibt, wohin die Reise in einer arbeitszentrierten Gesellschaft gehen kann – und bewegt sich dabei beängstigend nah an der Realität.
Nathalie Wozniak, Gesellschaft der Überflüssigen (Märkische Zeitung, 10/11.03.2007):
Wer das Buch begonnen hat, liest es auf jeden Fall zu Ende. Mit Schaudern klappt der Leser die Buchdeckel zu, so wie er es vor Jahrzehnten mit Orwells „1984“ tat. Zelters bitterböse Utopie erschrickt, weil sie so realistisch klingt. Mit beißendem Humor packt der promovierte Anglist seine Leser, jagt sie durchs Spiegelkabinett aktueller Sprachregelungen und lässt sie am Ende in die Zukunft starren – mit einem Blick voll grimmiger Ironie.
Marco Puschner, Gibt es Arbeit nach dem Tod? (Nürnberger Zeitung, 02.01.2007):
In Zeiten, in denen das Wort »Vollbeschäftigung« auf der Liste der bedrohten Wörter angelangt ist, kommt diese beklemmende Zukunftsvision gerade richtig. Sie zeigt, dass der politische Anspruch eines Romans nicht zu Lasten der literarischen Qualität gehen muss; und die weist voraus auf die düsteren Realitäten einer Gesellschaft der Bürger ohne Arbeit.
Winfried Rust, Gib das falsche Leben auf! (Jungle World: Wochenzeitung, Nr. 38, 20. September 2006):
Joachim Zelter spitzt in seinem Roman bekannte Phänomene der gegenwärtigen Beschäftigungskrise zu, zum Beispiel die Abwertung von Arbeitslosen oder das verbissene Bewerbungstraining. Das Ergebnis ist eine New-Economy-Diktatur, in der die »Sucharbeit« zum Lebenssinn wird. [...] Der Roman spitzt die repressive Verarbeitung der Krise der Arbeitsgesellschaft gekonnt zu. Die Erwerbslosen der Zukunft sind entsolidarisierte Subjekte, die die Arbeitslosigkeit als individuellen Makel empfinden und sich zugleich als Anhängsel übergeordneter Kollektive begreifen: Betriebsgemeinschaft oder Arbeitslose.
Axel Schalk (Zitty, Berlin 16/2006):
Zelters abgeschlossene, absurde Lagerwelt, eine frostige closed area, hat die Züge eines KZs, in dem die Grausamkeit gerade in der Zuwendung der Trainer liegt, zeigt die Psychogramme der Betroffenen und der Betreuer in aller Drastik: Hoffnung ist eine trügerische Fiktion, es herrscht die totale Perspektivlosigkeit und die ist wohl leider ganz real. Ein für jeden lesenswertes Buch.
Die Orwellsche Zukunft von Hartz IV (Saarbrücker Zeitung, 04.09.2006):
Mit gnadenloser Treffsicherheit lässt [der Roman] eine Szenerie von absurden Schulungsprogrammen in geradezu faschistoider Kasernierung entstehen, die an Huxley oder an Orwells 1984 erinnern. Zelters schöne neue Welt ist eine eiskalte Satire und ein grimmiger Spaß von hohen stilistischen Graden.
Matthias Kehle (allmende: Zeitschrift für Literatur, August 2006):
Die „Schule der Arbeitslosen“ [...] extrapoliert wohin die Reise gehen könnte. Und zwar in eine Zeit völliger Rechtlosigkeit und Entsolidarisierung. Der Leser assoziiert keinesfalls nur Internaterfahrungen, sondern Internierung und subtile Foltermethoden. Rabenschwarz ist Zelters Humor, düster seine Zukunftsperspektive. Vielleicht trägt der Roman jedoch ein klein wenig zur aktuellen politischen Diskussion bei.
Jens-Christian Rabe, Sie schinden sich hier (Süddeutsche Zeitung, 21.07.06):
Konsequenter ist die Frage, was denn zu tun ist mit dem menschlichen Strandgut, das die strukturelle Arbeitslosigkeit im späten Informationskapitalismus massenhaft produziert – konsequenter ist diese Frage literarisch nicht beantwortet worden.
Brita Hempel, Careless talk costs jobs (literaturkritik.de Nr. 7, Juli 2006):
Kein Buch für die genüssliche Spaßlektüre, kein Buch für Liebhaber des Schachtelsatzes und der erlesenen Vokabel, kein konsumfreundliches Buch. Ein schmerzhaft klarer Blick in eine düstere, nahe Zukunft – dem man, damit diese Art von Zukunft nicht tatsächlich zu unserer klaglos und schicksalhaft akzeptierten Gegenwart wird, möglichst viele Leser wünscht.
Wolfgang Platzeck, Schöne neue Arbeitswelt (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 10.06.2006):
Ohne Zelters literarische Meisterschaft wäre das Buch vielleicht nur ein lautes Manifest des Protestes geworden. Das ist es sicher auch – vor allem aber ein großer, ein eminent wichtiger Roman.
Dorothea Dieckmann, Gehirnwäsche für Arbeitslose (Deutschlandradio Kultur, 02.06.2006, 16:10 Uhr):
Selten ist in unserer Literatur die subtile Brutalität des Neuen Kapitalismus so klug und so schmerzhaft gespiegelt worden wie in Zelters Horrorsatire. Jargon und Mechanismen des gestaltlosen Big Brother, ein Mix aus behördlicher Bevormundung und psychischer Manipulation durch die verordnete Kreativität der Management-Ideologie, wirken wie eine Gehirnwäsche. Mit hämmernden Sätzen lässt der Autor ihre Bannsprüche auf den Leser niederprasseln. [...] „Schule der Arbeitslosen“ ist eine souverän erzählte Geschichte der Entsorgung, die unsere schlimmsten Sorgen verdichtet: nichts mehr wert zu sein, wenn man kein multifunktionales Teilchen der längst überholten Arbeitsgesellschaft mehr ist.
Bettina Schmidt, Schöne neue Jobwelt (Sächsische Zeitung, 29./30.04.2006):
Der brillante Autor Joachim Zelter hat ein böses Buch geschrieben, das das Hauptproblem unserer Gesellschaft reflektiert. Er bedient sich dazu einer klaren, analytischen Sprache, in der Emotionen nichts verloren zu haben scheinen. Zelter spitzt zu und ironisiert, treibt in gewisser Weise mit dem Entsetzen Scherz, obwohl es bei diesem Thema nichts zu lachen gibt.
Cornelia Geissler, Schöne neue Welt (Berliner Zeitung, 18.04.2006):
Den eigentlichen Roman zur Zeit hat Joachim Zelter geschrieben. Er beschönigt nichts. Er lässt es nicht zu, die Ursache für Arbeitslosigkeit in persönlichen Unzulänglichkeiten zu sehen. Er nimmt das Heer der Arbeitslosen als gesellschaftliche Masse, mit der keiner mehr irgendetwas anzufangen weiß. [...] Obwohl das Buch im Jahr 2016 angesiedelt ist, wirkt es der Realität bedrohlich nahe. Ja, es kann beim Lesen einen ähnlichen Effekt haben wie vor Jahren Aldous Huxleys “Schöne neue Welt” oder George Orwells “1984″. Denn so gespenstisch Zelters Szenario sein mag, es hat seinen dicken wahren Kern.
Jürgen Egyptien, Das Ausbildungscamp der Stellenjäger (Aachener Nachrichten, 01.04.2006):
Zelters Roman ist in einer klaren und genauen Sprache geschrieben. Er vergleicht sie selbst mit dem Stil von Regienanweisungen, und entsprechend dynamisch und spannend schreitet die Handlung voran, die man sich sehr gut als Theaterstück und Film vorstellen kann. Ein vorzüglicher Zukunftsroman in der Tradition von Huxley und Orwell, der mit großer Sensibilität und Fantasie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu Ende denkt.
Nico Daniel Schlösser, Absolutes Produktivitätsgebot (Stuttgarter Nachrichten, 23.03.2006):
Joachim Zelter hat eine Kampfrede in Romanform geschrieben. „Schule der Arbeitslosen“ spielt im Jahr 2016, und doch setzt er mit dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs über Arbeitslose ein. Was gegenwartsnah beginnt, denkt Zelter im Zeichen des absoluten Produktivitätsgebots konsequent in die Zukunft weiter. [....] Diese Gesellschaftssatire wirkt gerade in ihrer Übertreibung durchaus vorstellbar. Ein Roman, mit dem sich unsere Gesellschaft wird beschäftigen müssen.
Cord Beintmann, Zirkuspraktikum? (Stuttgarter Zeitung, 21.03.2006):
Erinnert an die negativen Utopien George Orwells („1984“) oder Aldous Huxleys („Brave New World“). Virtuos beherrscht Zelter das kalte Kauderwelsch real existierender Business-Seminare und das Wortgeklingel der Ratgeberliteratur. Manchmal glaubt man die Worthülsen einschlägiger Powerpoint-Texte zu hören. Wer arbeitslos ist, ist selbst schuld, das ist die zynische Ideologie, die hinter dem perfiden System des Bewerbungsdrills steht.
Sonntag Aktuell (19.03.2006):
Der Roman trifft ins Mark der deutschen Wirklichkeit. In seiner negativen Utopie spitzt er satirisch zu, wie man von der frustrierenden Arbeitslosigkeit ablenkt, indem man aus der Arbeitssuche ein großes Planspiel macht. Oberstes Ziel: aus einer durchschnittlichen Erwerbsbiographie ein schillerndes, völlig realitätsfernes Erlebnisfluidum zu gestalten. [...] Zelter hat unsere Welt nur ein kleines Stückchen weiter gedacht. In seinem kühl sezierenden, bitterbösen Roman, der an George Orwells „1984“ erinnert, setzt er sich mit der Phrasendrescherei des Wirtschaftslebens auseinander und entlarvt den Zynismus einer Economy, die den Menschen überflüssig macht.
Peter Ertle, Gnadenlos und nah an der Zeit (Schwäbisches Tagblatt, 09.03.2006):
Ein satirischer Science Fiction. Aber wer seine Antennen auf Empfang für die Tendenzen der Zeit stellt, merkt schnell, dass wir schon mittendrin sind. Dass Zelters Buch nur zuspitzt, was uns längst umgibt.
Südwestrundfunk
Ein eigenwilliges Buch, äußerst spannend geschrieben – und wer erst einmal angefangen hat zu lesen, wird es so schnell nicht wieder weglegen.