UA: Zimmertheater Tübingen
Regie: Christian Schäfer
Ausstattung: Hella Prokoph
Uraufführung: 18.02.2010
Infos: Zimmertheater Tübingen
Rechte: Whale Songs Hamburg
Man nennt ihn Geistesriesen. Letzten Intellektuellen des Landes. Philosophenkönig. Eiger Nordwand unter den Denkern. Die Rede ist von Professor Eiger, weltberühmter Philosoph. An seinem Geburtstag wird er in einem großen Festakt von seinen Ämtern an der Universität verabschiedet.
Es beginnt der Ruhestand – in emsiger Arbeit an Buchprojekten. Und es beginnt Eigers Niedergang: Von den Kollegen bald vergessen, an der Universität kaum vermisst. Ein Niedergang, der sich auf allen Ebenen abzeichnet, in Anzeichen wachsender Fehlleistungen, geistiger Verwirrung und zunehmender Einsamkeit. Akt für Akt kommt dem sprachgewaltigen Philosophen die Sprache abhanden. Und mit der Sprache das Gedächtnis und die Erinnerung.
Professor Lear lotet die größtmögliche Fallhöhe des Tragischen aus. Die Demenz als Endpunkt intellektueller Brillanz. Doch entfaltet sich in diesen Fallhöhen eine große Menschlichkeit. Eine Menschlichkeit jenseits aller geistigen oder sonstigen Würden, die sich gerade in der Nacktheit und Unbehaustheit des Helden herausbildet. Die Rechtfertigung des Lebens durch das nackte Leben.
PRESSE:
die deutsche bühne | 04.2010
Der gelernte Anglist Zelter hat seine Demenz-Dramödie von der Professorendämmerung geschickt mit jener anderen, viel älteren Geschichte einer Verstörung verknüpft, mit Shakespeares „König Lear“. Denn auch Lear gleitet ab in den Wahn, verliert Hab und Gut, Verstand und Güte. Der närrische Alte, am Ende ist er die gespaltene, disparate Person aus Eiger und Lear: Ein starkes Stück, das sich als Gratwanderung erweist, als ein Ritt auf der Rasierklinge, immer kurz vorm Scheitern – doch Respekt: das Wagnis gelingt.
Theater der Zeit | 04.2010
„Lieber ein unglücklicher Philosoph als ein glückliches Schwein!“ Dieses Diktum nach Sokrates, das Bieris Professor noch bei klarem Verstand ahnungslos in die Gegend posaunte, wird bei Zelter vom Kopf auf die Füße gestellt. Sein Stück versucht, das Entschwinden des Ichs als Existenzform anzunehmen.
Esslinger Zeitung | 03.03.2010
Und so gelingen den Tübinger Schauspielern starke Porträts. Allen voran überzeugt der Professor, dessen tragische Fallhöhe der Dramatiker Zelter erschütternd zeigt. Die Anspielung auf Shakespeares alten König Lear ist da nicht übertrieben. Seine Sprachkraft war das Rückgrat von Helmut Eiger, den der Schauspieler Vilmar Bieri vielschichtig darstellt. Er entlarvt die Hohlheit wissenschaftlicher Rituale, verheddert sich in Eitelkeit und macht schließlich den Verlust der Sprache erfahrbar.
Südwest Presse | 02.03.2010
Zelter lässt einen brillanten Geistesriesen, der all sein Sinnen und Trachten auf den Lebensraum Uni ausgerichtet hat, in seiner Welt verkümmern und verdämmern, am Ende gar in einer heillosen Demenz. Eine Gratwanderung und ein Ritt auf der Rasierklinge, den Zelters Stück und Christian Schäfers Ur-Inszenierung unternehmen. Dass dies weitgehend gelingt, liegt auch an Schauspielern wie Vilmar Bieri, der den Giga-Gelehrten Helmut Eiger (genannt die „Eiger-Nordwand des Denkens“) eben nicht als reine Abziehfolie des kranken Vorbilds wiedergibt, sondern ihn mit satten Suaden à la Thomas Bernhard und viel Situationskomik versieht. Stark auch Nicole Schneider als tapfere Professorengattin und Hannah Kobitzsch als lernunwilliges Enkel-Gör, das schließlich im dementen Opa die „kreatürliche“ Beziehungsnähe entdeckt. Cordelie heißt die Enkelin, und das soll nicht die einzige Anspielung auf Shakespeares „König Lear“ bleiben. Zelter hat die Tragödie um den zunehmend umnachteten Herrscher-Greis geschickt mit seinem Stück verwoben. Ein beeindruckender, stellenweise auch bedrückender Theaterabend.
Frankfurter Allgemeine Zeitung | 20.02.2010
„Professor Lear“ ist kein voyeuristischer Schlüssellochblick auf das Krankenbett des Walter Jens. Wenn Vilmar Bieri „I fear I am not in my perfect mind“ deklamiert, ist er King Lear, König ohne Land und Verstand. Er ist der Hölderlin, der hier, nur einen Steinwurf entfernt, im Turm vor sich hin brabbelte, eine Thomas-Bernhard-Figur (wenn auch ohne deren rasenden Furor und Sprachwut) und nicht zuletzt ein Doppelgänger des Autors.
SWR2 | 20.02.2010
Als Retrospektive bekommt der Zuschauer vom durchweg glänzend spielenden Ensemble des Zimmertheaters die letzten Jahre des Ehepaars Eiger vorgeführt. Zelters beklemmende, sprachlich brillante Dialoge entfalten dabei einen ungeheuren Sog. [...] Neben dem Drama um Walter Jens liefert auch die Shakespeare-Tragödie „König Lear“ Vorlagen für Joachim Zelters neues Bühnenstück. Nicht nur, dass die Enkelin des Professors denselben Namen trägt wie Lears Lieblingstochter Cordelia. Auch das Motiv des nackten, unbehausten Menschen, der seiner Würde beraubt, nunmehr Trost in der Natur findet und dessen Geist sich mehr und mehr verdunkelt – auch das ist Shakespeare. Und Jens. Und Zelter. Diese kunstvolle Überlagerung ist es denn auch, die aus dem „Professor Lear“ ein wirklich gelungenes Theaterstück macht.
Schwäbisches Tagblatt | 20.02.2010
Eine Demenzdramödie, eine auf Dialogbereitschaft geschaltete Thomas-Bernhard-Groteske. [...] Auch wenn Christian Schäfers Inszenierung entsprechend loslegt: Zelters Stück ist keineswegs die übliche Kleinbürgergroteske im Generationenclinch. Der fast schon geniale Kniff besteht darin, dass Shakespeares Tragödie vom Unglückkönig Lear in ein heutiges Leben einsickert, das wiederum von chronischem Gedächtnis- und Persönlichkeitsverlust zerstört wird.
Stuttgarter Nachrichten | 20.02.2010
Beschreibt die Symptome des unaufhaltsamen Abgleitens eines Heroen des Intellekts in die Tiefen der Demenz. In schlaglichtartigen Rückblenden beschreibt der Autor diesen schleichenden zerfall einer Persönlichkeit. Dabei gelingt Zelter die genaue Beschreibung eines Weltfremden. [...] Gut zweieinhalb Stunden dauert Christian Schäfers von der ersten bis zur letzten Minute spannende Uraufführungsinszenierung des „Professor Lear“. [...] Bildstarke Szenen, die an Thomas Bernhards beißende Tragikomik erinnern.
Reutlinger General-Anzeiger | 20.02.2010
Nicht auf Land und Leuten basiert die Macht des Professor Eiger, sondern auf seiner geistigen Potenz. Deren Zerfall wird in Joachim Zelters neuem Stück »Professor Lear« geschildert, das am Donnerstag in der Inszenierung von Christian Schäfer am Tübinger Zimmertheater Uraufführung hatte.
Die stets liebende Tochter Cordelia von Shakespeare wird dabei zu Eigers Enkelin Cordelie (Hannah Kobitzsch) mit grünem Haar, provokantem Kaugummigekaue und legasthenisch bedingter Schulverweigerung, die erst den dementen Opa offen lieben kann. Damit stellt sie sich gegen Gertrud (Nicole Schneider), die Gattin des Professors.
Am Frühstückstisch im Theater ist jegliche Diskussion längst entschwunden. Nur widerwillig begibt sich der zu Beginn auf der Höhe seines Erfolgs stehende Professor von der Schreibmaschine an den Esstisch, flüchtig einen Kuss aufs Haar seiner Gattin hauchend, beim Tischgebet auf sein Manuskript schielend (Vilmar Bieri).
Hella Prokoph hat für die Akteure auf der Bühne ein Gelehrten-Ambiente der 1960er-Jahre eingerichtet mit hölzerner Bücherwand, Korbhängelampe und Gummibaum. Anzug für ihn und wadenlanger Karorock für sie signalisieren gleichermaßen die Erstarrtheit der Charaktere. Denn Enkelin Cordelies Outfit lässt keinen Zweifel daran, dass das Stück in der Jetztzeit spielt.
Diese Kontrastierung dient der Zuspitzung der Ideale jugendlich-chaotischer Kreativität und Lebenslust versus Altherren-Wissenschaftsmacht. Sie lässt die Inszenierung Richtung Groteske rücken, was Text und Thema aber gut ansteht. Denn die Demenz, das Verlieren des Geistes, lässt jegliche Realität an sich scheitern. Sie bringt auch noch so liebende Mitmenschen an ihre Grenzen und diktiert einen extremen Alltag.
Im Stück isst der Professor schließlich Blumen, schreit sich im Garten die Seele aus dem Leib oder reißt sich die Kleider herunter, um eingewickelt im Laken wie ein römischer Senator dazustehen. Diese Entwicklung vom Haustyrannen über den von seinen Sprachfehlern zu improvisierten Ausflüchten getriebenen Professor zum Hunde liebenden, leicht obszönen und Süßigkeiten verschlingenden Greis spielt Vilmar Bieri geradlinig, ohne aufgesetzte Gesten, mit überzeugender Intensität. Nicole Schneiders Entwicklung vom milden Hausmütterchen zur furiosen Bewahrerin des geistigen Erbes ist in ihrer Larmoyanz und Wut stimmig, wirkte aber etwas vom Stück forciert.
Robert Arnold als geschniegelter Professoren-Freund und Rivale sowie Moritz Peters als Eigers Assistent bereichern ihre Figuren mit der karikaturistischen Note, welche die Leichtigkeit und Wahrhaftigkeit des Stücks ausmachen. Lang anhaltender Applaus krönte die Premiere.


Auszug Professor Lear