José F. A. Oliver, Wenn ein Roman den Raum weglacht. Joachim Zelter verlebendigt mit magischem Humor seine „Briefe aus Amerika“ (Schwarzwälder Bote, 10.05.2000)


„Joachim Zelter hat das Zeug zum Kultstar. Keine Frage. Da betritt – was heißt betritt – da marschiert ein Autor in den Klassenraum. Aufrecht. Uniform an. Koffer in der Hand. Käppi auf dem Kopf und quasselt mit einer rasanten Geschwindigkeit davon, als würde er mit sich selbst um die Wette sprinten.

Was heißt »quasselt«. Er monologisiert, schwadroniert, brilliert wie ein altenglischer Lord in jungen Jahren, der vor lauter Selbstumdrehungen steif wird wie ein Sahnehäubchen. Edel aber ranzig, adelig halt. Als wollte er sagen: »Don’t touch me. Oder wollen Sie mir etwa das Gegenteil beweisen?«

Zelter galoppiert lässig mondän wie ein durchtrainierter Polospieler und mit besagten aristokratisierenden Gesten in die Spielfelder seines Romans. Als stünde der Sieg von Hause aus fest, den er sich darob zur Eigenkür macht und deliziös genießt.

Was heißt »genießt«. Genuss wäre zu wenig. Er zelebriert sie. In reinstem Oxford-English und in der Gewissheit des Champions, der die Konkurrenz niemals zu fürchten braucht, weil er einfach konkurrenzlos ist. Höchst konzentriert ist Zelter und doch betörend leicht.

»Sprechen Sie eigentlich Englisch?« fragt der Autor plötzlich wie aus heiterem Himmel und mit dem verschmitzten Lächeln derjenigen, denen man den Schalk im Auge schon von weitem ansieht. Die Schüler der Kaufmännischen Schule lachen.

Natürlich sprechen sie alle ein wenig Englisch und haben dennoch kein Wort verstanden und können gar nicht anders, als sich einfach nur in den Bann ziehen zu lassen und die unerhoffte Begegnung schmunzelnd zu kosten. Das ist urkomisch. Schierer Slapstick. Augenblickshumor, der die Menschen zu relaxen weiß. Einfach nur sympathisch, weil wohltuend und witzig.

Zelter braucht nur ein paar Sekunden, um die Klasse für sich zu gewinnen. Das ist Kunst. Zauber der Kunst, der Räume auflöst und Fiktion legt in die Wirklichkeit des Alltags. Absurd, aber schön. Und dann beginnt er den Roman zu lesen. Auf deutsch natürlich. »Briefe aus Amerika«.

Joachim Zelter scheitert an diesem Morgen nicht, denn die Schüler der Kaufmännischen Schulen in Hausach sind begeistert vom Autor und von den Textpassagen, die ihnen bis vor wenigen Minuten noch unbekannt waren.

So in etwa muss es sein, wenn ein Kästner-Klassenzimmer »fliegt« und vergessen macht, dass man sich eigentlich in der Schule befindet. Das Resultat dieser abschließenden Lese-Lenz-Veranstaltung waren anderthalb Stunden heiterer und entspannter Gesichter, vom Humor angesteckte Schüler. Bisweilen gar herzhaft auflachende Elft- und Zwölftklässler, die in den Sog eines Romans geraten, der immer verrücktere Antworten liefert und vom Autor mit bestechender Brillanz gelesen und gespielt wurde.

So sollte Literatur Einzug halten in die Schulen. Was heißt »sollte«. So muss sie Einzug halten.“